DIE SITUATION
"Den Römern war der Zirkus die Welt" laut Isodor von Sevilla, und noch heute treffen sich Kulturschaffende "auf den Brettern, die die Welt bedeuten". Die urbane Situation ist charakterisiert durch Einzelobjekte und Fragmente aus verschiedenen Epochen. Die vereinzelt ausgegrabenen Fundamentteile des antiken Amphitheaters sind die ältesten sichtbaren Spuren menschlicher Bautätigkeit. Sämtliche später erbauten Gebäude demonstrieren eine spezifische städtebauliche Haltung zu diesem nie ganz versunkenen Monument. So baute man im Mittelalter ganz einfach darüber;
die Ruine wurde als Steinbruch genutzt. Weder im 19. Jahrhundert, noch in der Moderne scheint man der Arena besondere Beachtung geschenkt zu haben; erst in den 60-er Jahren suchte ein monumentaler Wohnungsbau den Bezug zur antiken Grossform.
Neben Fragmenten mittelalterlicher Bausubstanz stehen auch nur teilweise ausgeführte Projekte, sozusagen Bruchstücke von Ideen. Das Nebeneinander unterschiedlichster Bauvolumen erzeugt räumliche und historische Spannungen. Sie sind die spezifischen, zum Teil nur schwer wahrnehmbaren Qualitäten des Gebietes.
Das Projekt versucht mit zwei Eingriffen das vorhandene Potential zu entfalten. Das älteste Element, die verschüttete Arena, wird neu interpretiert, und ein neues Volumen übernimmt die Vermittlung zwischen den Einzelobjekten und dem Amphitheater. Kein Gebäude mit Substanz wird angetastet: unter den bestehenden Bauten werden keine neuen Hierarchien geschaffen.
DIE ARENA
Verschiedene Ausgrabungen seit 1931 zeigen, dass am Amphitheater im Laufe der Zeit gründliche Abbrucharbeit geleistet wurde. Sogar das Fundament ist nur noch bruchstückhaft erhalten. Der historische Wert der Arena liegt also nicht bei den einzelnen Fundstücken, sondern im Ort selber und der Erinnerung.
Die kosmologische Form der Ellipse, als Symbol der historischen Kontinuität, soll an alter Stelle neu gezeichnet werden. Mit einem präzisen Schnitt in die Erde wird der Raum der Arena neu interpretiert. Die abfallende Schräge deutet die alten Sitzreihen an, die kreisrunde, vertiefte Plattform das antike Bodenniveau.
Aus der glatten Schrägfläche wachsen die wenigen ausgegrabenen Ruinen gleichsam organisch heraus. Ihre einst geometrisch klaren Formen sind verwittert und weich geworden.
Eine präzise Oberfläche und jahrtausendalte Ruinen bilden den städtischen Raum, der verschiedene Funktionen , wie Aussentheater und "Parco Archeologico" in sich vereint. Das Spannungsfeld zwischen geometrisch umrissener Fläche und
"gewordener", bestehender Form ist in umgekehrter Entsprechung bei Richard Serras Installation "Shitt" vorgebildet.
DAS TANZTHEATER
Die Volumetrie des Baukörpers ist bestimmt durch Blicklinien, die von bestimmten Punkten des Quartiers zwischen den bestehenden Bauten hindurch auf seine Ecken fallen. Die gegebene Situation bestimmt sowohl die Kubatur des Balkens, als auch seine Lage.
Ein Theater in einem "Balken" unterzubringen ist mit Schwierigkeiten verbunden. Die Grossräume (Foyer, Zuschauerraum, Bühne), die hinter der Nordfassade aneinandergereiht sind, deformieren an einigen Stellen das Volumen, manchmal sprengen sie es.
Anders auf der Südseite, wo eine harte und klar gegliederte Schicht alle kleinräumlichen, stapelbaren Räume, wie Administration, Garderoben etc. aufnimmt.
Von aussen erscheint der Baukörper als geschlossenes Volumen, als Balken, der auf der Kante der Ellipse zu schweben scheint, nur gestützt durch den Bühnenturm. Aus dem Zwischenraum von Balken und Arena entwickelt sich im Gebäude ein Lichtraum im Scheitel einer Parabel.
Im Spannungsfeld zwischen Arena und Theaterkörper verschiebt sich das Zentrum des vertieften Ellipsenkegels zum Theater hin und formt sich zu einem Kreis. Das geschlossene Theater und die kreisförmige Freilichtbühne des Aussentheaters ziehen sich gegenseitig an.
Als im mittelalterlichen Mailand die Stadtmauern zu eng wurden, bildete sich ausserhalb der Porta Ticinese eine Zitadelle. Sie stellte die Verbindung vom Hafen zur Stadt her. Über ein System von Kanälen wurde das Material für das grösste mittelalterliche Bauvorhaben Mailands, den Dom, ins Stadtzentrum transportiert. Der Weg führte an den Ruinen der antiken Arena im Südwesten und der frühchristlichen Kirche San Lorenzo im Norden vorbei. Das dichte Gefüge von mittelalterlichen Wohn- und Gewerbebauten wurde im 19. Jahrhundert von Blockrandbebauungen der wachsenden Stadt umschlossen. Die Bombardierungen des 2. Weltkrieges rissen Lücken in das in sich geschlossene Quartier und damit setzte ein Prozess der Zerstörung und Fragmentierung ein, der bis heute nicht endgültig zur Ruhe gekommen ist. So haben sich in einem halben Jahrhundert mehr oder weniger zufällig Stadträume mit grossem Potential gebildet. Schicht für Schicht ist die zweitausendjährige Entwicklung und Funktion des Ortes heute zu erkennen.
Unser Interesse gilt der Grossstadt von heute. Wir möchten uns mit ihren städtebaulichen und architektonischen Problemen auseinandersetzen, ihre inneren Werte und Gesetze verstehen und darüber hinaus die Entwicklung einen Schritt weiter denken, den Ort gleichsam mit einer neuen Schicht überlagern.
Dabei ist sowohl die historische Einheit des Gebietes, als auch dessen Auflösung in Fragmente und Einzelkörper von zentraler Bedeutung. Die durch Zerstörung entstandenen Freiräume betrachten wir als Elemente grosser urbaner Qualität, .gerade in Mailand, wo bedingt durch die flache Topographie und die dichte Bebauung grossräumliche Beziehungen selten sind, und der Blick meist in Strassenräumen eingeengt bleibt. Diese Stadträume möchten wir präzisieren und durch öffentliche städtische Nutzung in ihrer Bedeutung stärken.
Die feinen Niveauunterschiede von Strassen und Plätzen betonen wir, um die Ebene der Stadt zu differenzieren.
Unvertaut ruht ein grosses Floss auf zwei Pontons im Ufersand eines breiten norditalienischen Flusses, der in seinem Bett träg dahinzieht.
Keine Fussspuren im Sand, die Landungsbrücke führt über leicht ansteigendes, trockenes Terrain hinweg schräg aufwärts aus dem Bild hinaus.
Menschengrüppchen befinden sich fern und vereinzelt am Wasserrand.
Eine Art Grenzgänger hier und dort ... (TA-Magazin, Klaus Merz) Konkret schlagen wir vor, der antiken, verschütteten Arena ihre Bedeutung als einstigen Treffpunkt des Volkes zurückzugeben . Ein Tanztheater - als solches eine Institution des 20.Jahrhunderts - überlagert das Amphitheater und schafft Beziehungen zwischen Alt und Neu, Volumen und Fläche, Körper und Raum. Der Ort soll sowohl ausstrahlen, als auch anziehen, der Freiraum als Theaterplatz städtische Bedeutung erlangen.
Im offenen Raum hinter San Lorenzo und Sant Eustorgio denken wir uns einen städtischen Park mit einer Kunstschule für Malerei, Bildhauerei und Musik. Das Hafen- und Handelsquartier des Mittelalters, der Ort des kommerziellen Austauschs von Waren wird durch den Eingriff zu einem Ort des Kulturaustauschs.
Unsere Anliegen sind die kulturelle Belebung des Quartiers und das Präzisieren der Stadträume, um sie bewusster wahrnehmbar und infolgedessen benutzbarer zu machen.
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